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Neue Informationsreihe der Alzheimer Selbsthilfe e.V.:
Experteninterviews zu aktuellen Gesundheitsthemen, zum gesunden Altern, zu Forschung, Wissenschaft, Alzheimer Demenz u.v.m.

 

 

Die Interviews im Überblick

 

"Stressmanagement – Stressprävention "
Lesen Sie im nachfolgenden Vortrag unserer Expertin Frau Katharina Muhr, mit welchen Methoden Sie Stress positiv umwandeln und zu Ihrem Vorteil nutzen können.
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Interview mit Herrn Dr. med. Stefan Schulte, Facharzt für Chirurgie und Gefäßchirurgie, Leiter des Gefäßzentrums Köln zum Thema "Der Mensch ist so alt wie seine Blutgefäße!"
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Interview mit Herrn Dr. med. Bernd Remy, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Malteser Krankenhaus St. Hildegardis, Köln, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Pneumologie und Intensivmedizin zum Thema Herzinfarkt bei Frauen.
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Interview mit Raimond Wagner, unabhängiger Pflegeberater, Köln zum Thema Pflegeberatung.
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Interview mit Dr. Jochen G. Hoffmann, Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin des Malteserkrankenhaus St. Hildegardis, Köln zum Thema Möglichkeiten zur Senkung der Risikofaktoren und Prävention vor einer Demenzerkrankung.
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"Stressmanagement – Stressprävention "
Lesen Sie im nachfolgenden Vortrag unserer Expertin Frau Katharina Muhr, mit welchen Methoden Sie Stress positiv umwandeln und zu Ihrem Vorteil nutzen können.

 

 

Katharina Muhr

Was ist Stress?

Stress ist subjektiv. Für den einen ist Stress eine große Belastung: er weiß kaum noch, wo ihm der Kopf steht, wo er zuerst anpacken soll. Für den anderen bedeutet Stress einen willkommenen Energieschub, ohne den er nur sehr schwer gute Leistungen erbringen kann.

 

Wodurch entsteht Stress?

Stress ist ein sehr wichtiger Faktor und in unserer Evolution begründet. Schon der Steinzeit-Mensch hatte mit dem Phänomen Stress zu tun.

Die Geschichte von den Schnellen und den Toten spiegelt diesen Tatsache sehr anschaulich wieder:
War der Steinzeit-Mensch auf der Jagd und begegnete er zB einem Säbelzahntiger, so setzte augenblicklich eine Stress-Reaktion ein. Das Gehirn des Steinzeit-Menschen reagierte auf den äußeren Reiz (Tier) und aktivierte das Programm „Alarm“. Der Betroffene stand vor der Entscheidung, wegzulaufen (Flucht) oder sich der Situation zu stellen (Kampf). Der Körper musste schnellstens in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit und Fluchtbereitschaft gebracht werden, denn er brauchte jetzt sofort viel Energie.

Bei Stress werden verschiedene Hormone freigesetzt, wie zB. Adrenalin und Cortisol. Die Hormone bewirken die sofortige Energie-Bereitstellung für die bevorstehende körperliche Anstrengung. Weiters wird auch die Produktion von Blutplättchen angeregt, um bei einer Verletzung die Wunde rasch schließen zu können.

In der heutigen Zeit ist es kaum erforderlich, bei Stress (Gefahr) zu kämpfen oder zu fliehen. Trotzdem reagiert unser Körper noch genauso wie in der Steinzeit und er setzt die Hormone zB Adrenalin und Cortisol frei und produziert die Blutplättchen in hohem Maße.

Aber: Weder Hormone noch Blutplättchen werden nun während des Stresses verbraucht. Dies führt dazu, dass diese „Energie“ und die zusätzliche Wundversorgung weiter im Blut verbleibt und der Körper muss schauen, dass er diese Bestandteile auf andere Weise wieder aus dem Blut herausfiltern und sie wieder aufnehmen kann. Dies geschieht dann in Form von Fetteinlagerungen, um die überschüssige Energie aus dem Blut zu bekommen. Die nicht benötigten Blutplättchen schwimmen weiterhin im Blut und können sich an den Gefäßwänden anlegen, oder sich zu Pfropfen formieren, welche einen Infarkt im Gehirn, im Herzen oder in der Lunge auslösen können.

Daher ist es wichtig, dem Stress sinnvoll zu begegnen.

Wie kann man dem Stress entgegenwirken?
Durch einen angepassten Lebensstil mit entsprechenden Zeiten für den Ausgleich. Dies kann man sehr gut mithilfe von verschiedenen Entspannungsmethoden, wie zB. Atemübungen, Progressive Muskelentspannung (Muskelrelaxation), Traumreisen, Qi Gong, Jin Shin Jyutsu, Yoga oder Elementen aus der Kinesiologie erreichen.

Es gibt verschiedene Arten von Stress-Faktoren:
   •      die Stressoren - äußeren Faktoren: Wann gerate ich in Stress?
   •      die Stress-Verstärker - inneren Faktoren: Was mache ich, wenn ich in Stress bin?
   •      die Stress-Reaktionen: Wie reagiere ich auf Stress?

Die Stressoren wirken von außen auf uns ein und wir können nur bedingt Einfluss auf sie nehmen. Dazu zählen zB Wetter (Hitze, Kälte), Lärm, Störungen von außen, Überforderung, Unterforderung.

Die Stress-Verstärker wirken von innen auf uns; wir machen sie uns selbst. Dazu zählen zB überzogener Selbstanspruch - „alles 150%ig machen zu wollen“, Perfektionismus, Kontrollstreben.

Die Stress-Reaktionen sind dann das Ergebnis aus den Faktoren Stressor und Stress-Verstärker. Diese können sein: Symptome des Workaholismus, aber auch Launenhaftigkeit, Niedergeschlagenheit, Depression.

In weiterer Folge führen diese Stress-Reaktionen nicht selten in die Isolation. Der Betroffene zieht sich zurück. Er fühlt sich missverstanden, wittert hinter jedem Wort seiner Arbeitskollegen Mobbing und wird schließlich krank. Er flüchtet sich nicht selten in eine Krankheit, um aus seinem Teufelskreis herauszukommen.

Diese Flucht ist mitunter unbewusst gesteuert. Dem Betroffenen ist gar nicht bewusst, dass ihm sein Körper damit eigentlich nur das Signal geben will, dass Ruhe und Erholung höchst wichtig und dringend erforderlich geworden sind.

Der Mensch funktioniert nicht wie eine Maschine, obwohl auch er seine Warn-Einrichtungen hat.
Wenn bei einem Auto eine Warnlampe angeht, kann der Fahrer entscheiden, ob er einen Hammer nimmt und das Lämpchen kaputt schlägt, damit es nicht mehr leuchtet. Oder ob er in eine Werkstatt fährt und die Ursache für das Leuchten der Warnlampe suchen und beheben lässt.

Wir Menschen neigen dazu, wenn uns unser Körper eine Warnung schickt, ein Symptom, wie zB Kopfschmerzen, dass wir dieses Symptom bekämpfen, statt nach der Ursache zu forschen. Wir nehmen eine Tablette, vergleichbar mit dem Kaputt-Schlagen des Lämpchens, und setzen unseren Lebenswandel unverändert weiter fort.

Der Körper wird aber erneut eine Warnung, ein stärkeres Symptom schicken und wenn der Mensch wieder nicht richtig reagiert und sein Leben ändert, wird das nächste Symptom noch stärker werden, bis hin zu Tumoren oder Krebsgeschwüren.

Wie wirkt sich Stress auf Demenz aus?
Wer viel Stress und Ärger im Leben hat, erkrankt offenbar eher an Demenz - selbst wenn er den Ärger nicht als allzu belastend empfindet. Dies wurde anhand einer schwedischen Studie gezeigt. Gleichzeitig wird auch angeführt, dass schwere psychische Traumata (zB durch Krieg, Misshandlungen oder Naturkatastrophen) denselben Effekt haben können.

Wie ist es nun mit leichterem Stress? Wirkt dieser genauso Demenzrisiko fördernd?
Eine weitere 38 Jahre dauernde Studie sollte diese Fragen klären. Dazu wurden 800 Frauen befragt, diese waren zwischen 38 und 54 Jahre alt. Die Studie begann 1968. Bis 2006 waren bereits etwas mehr als die Hälfte von ihnen verstorben. 153 – also etwa jede Fünfte – entwickelte eine Demenz, 104 von ihnen Alzheimer-Demenz.

In diese Studie wurde weiters gezeigt, dass jeder Stress-Faktor die Alzheimerrate um ein Fünftel erhöht.
Zu diesen Stress-Faktoren zählen zB: psychische oder organische Erkrankungen von Partnern und Kindern, Suchtprobleme in der Familie, psychische Probleme bei den Eltern und Geschwistern, Scheidungen, Todesfälle, arbeitsbezogene Probleme oder auch uneheliche Geburten.
Die Befragten gaben unterschiedlich viele Stress-Faktoren an, etwa 7% nannten fünf oder mehr Stress-Faktoren.

Pro Stress-Faktor war die Alzheimerrate um 21% und die Demenzrate insgesamt um 16% erhöht, und zwar auch dann, wenn bekannte Risiken für eine Demenz wie Hypertonie, Diabetes, Rauchen, viel Alkohol, Koronare Herzkrankheit oder geringe Bildung berücksichtigt wurden.

So wurden die Frauen im Verlauf der Studie immer wieder gefragt, ob sie in den Jahren während der Studie häufiger Phasen mit deutlicher Reizbarkeit, Anspannung, Nervosität oder Schlafproblemen hatten, die mindestens einen Monat lang anhielten.

Dies bestätigten etwa 16% der Frauen an, darunter gehäuft solche, die schon zu Beginn der Studie über viele Probleme geklagt hatten. Bei ihnen war später die Alzheimerrate um etwa 60% erhöht.
Doch auch bei Frauen, bei denen solche Phasen nicht auftraten, war die Alzheimerrate pro Stressfaktor noch um 17%, und die Demenzrate noch um 13% erhöht.

Daraus wurde geschlossen, dass der Alltagsstress im mittleren Lebensalter auch dann ein Risiko darstellt, wenn er nicht als allzu belastend empfunden wird.

Wie wirkt sich die eigene Persönlichkeit auf eine mögliche Alzheimer-Erkrankung aus?
Gibt es Unterschiede zwischen einer introvertierten und einer extrovertierten Persönlichkeit?

Ja, ein ruhiges Gemüt, gepaart mit einer extrovertierten Persönlichkeit, halbieren einer Studie zufolge das Risiko, an einer Altersdemenz zu erkranken.

Das ruhige Gemüt macht den Menschen ruhig und gelassen, zufrieden, stabil und sicher. Er ist stressresistenter.
Die Extrovertiertheit lässt ihn gesellig und aktiv am Leben teilhaben.

Meine Empfehlung
Ich empfehle Ihnen, sich Ihren Tagesablauf genau anzusehen, um festzustellen, wie hoch der Stress bereits ist und wann, bzw. wodurch er genau entsteht. Dann ist es sehr wichtig, zu überprüfen, ob und in welchem Maße die Entspannung in Ihrem Tagesablauf eingebunden ist. Wo können Sie hier noch Möglichkeiten schaffen, um kurze Entspannungsübungen einzubauen und somit Ihr Stress-Level zu senken und eine gute Balance zwischen Anspannung (Stress) und Entspannung zu erreichen.

 

 

 

Veröffentlichung des Vortrags mit freundlicher Genehmigung von Frau Katharina Muhr


© Frau Katharina Muhr, Februar 2014
Das Copyright für den Vortrag verbleibt bei der Autorin. Eine Vervielfältigung oder Verwendung (auch auszugsweise) der Texte, Bilder, Grafiken in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist ohne ausdrückliche Zustimmung der Autorin nicht gestattet.

 

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Interview mit Herrn Dr. med. Stefan Schulte, Facharzt für Chirurgie und Gefäßchirurgie, Leiter des Gefäßzentrums Köln zum Thema: "Der Mensch ist so alt wie seine Blutgefäße!"

 

 

Dr. Schulte

Mit zunehmendem Alter achten wir vermehrt darauf, dem Aussehen ein paar Jährchen weg zu schummeln. Wir freuen uns, wenn man uns jünger schätzt als wir tatsächlich sind. Der eine oder andere tut sehr viel dafür, denn alt werden wollen wir alle. Nur nicht alt sein und so aussehen.

 

Die Frage: „Wie alt schätzen Sie mich denn?“ kann Ihnen Herr Dr. med. Schulte, FA für Chirurgie und Gefäßchirurgie im Gefäßzentrum Köln, Am Neumarkt sogar sehr genau beantworten. Denn er sagt:

„Sie sind so alt wie Ihre Gefäße“.

 

Was er damit meint, erfahren Sie in dem nachstehenden Interview.

 

 

 

 

„Ihre Aussage, dass man so alt ist wie die eigenen Gefäße hat mich doch sehr überrascht. Was kann ich mir als Laie darunter vorstellen?

 

Die Aussage „Der Mensch ist so alt wie seine Gefäße“ ist ein bekannter medizinischer Leitsatz und stammt von Ludwig Aschoff (1866-1942), einem bekanntem deutschen Pathologen, der sich bereits früh mit dem Fettstoffwechsel beschäftigte und damit die Erkenntnisse über die Entstehung von Gefäßerkrankungen wesentlich erweiterte. Diesen Leitsatz kann ich bei meiner Tätigkeit als Gefäßmediziner tagtäglich bestätigen.

 

Jeder kennt Menschen, die jünger oder älter aussehen, als sie tatsächlich sind. Auch im Inneren des Körpers laufen Alterungsvorgänge keineswegs bei allen Menschen gleich schnell ab. Deshalb ist in der Medizin seit jeher bekannt, dass das biologische Alter einer Person nicht mit ihrem tatsächlichen Alter übereinstimmen muss.

 

Die Gefäßverkalkung oder Arteriosklerose stellt ebenfalls einen natürlichen Alterungsprozess dar und ist Hauptursache für Herz- und Gefäßerkrankungen. Diese sind für über 40% der Todesfälle in Deutschland verantwortlich und liegen damit deutlich vor den Krebserkrankungen, welche mit etwa 25% der Todesfälle in der aktuellen Todesursachenstatistik beziffert werden. Demnach stellt auch der „Zustand Ihrer Gefäße“ einen entscheidenden Einfluss auf Ihr biologisches Alter dar.

 

 

„Wie bestimmen Sie das Alter der Gefäße?“

 

Unser Körper braucht für seine Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen eine ausreichende Blutversorgung. Dies wird durch ein funktionstüchtiges Herz- und Gefäßsystem gewährleistet. Bei den Gefäßen sind es die Schlagadern (arterielle Blutgefäße, Arterien), die das Blut zu den Organen befördern. Die häufigste Erkrankung der Arterien ist die „Gefäßverkalkung“ oder medizinisch Arteriosklerose.

 

Unter Arteriosklerose versteht man eine chronisch fortschreitende Verhärtung und Verdickung der Gefäßwand durch Einlagerung von Fett, Kalk und Bindegewebs- bestandteilen. Dadurch verlieren die Blutgefäße ihre Elastizität und können so zunehmend verengt werden.

 

In der Frühphase einer Arteriosklerose entwickelt sich zunächst eine Gefäßwandverdickung, welche die innere und mittlere Gefäßwandschicht betrifft.

 

Diese Veränderungen in den Arterien kann man heute mit modernen hochauflösenden Ultraschallgeräten, wie wir sie in der Herz- und Gefäßmedizin verwenden, bereits im frühen Stadium entdecken. So kann man die Wanddicke beispielsweise an der Halsschlagader, die das Gehirn mit Blut versorgt, sehr genau bestimmen. Bei „Gefäßgesunden“ beträgt die innere Wanddicke bei einem 30- Jährigen 0,5 Millimeter, bei einem 70-Jährigen 0,8 Millimeter. Liegt eine deutliche Gefäßwandverdickung vor, kann so schon ein 40-Jähriger das Gefäßalter eines 70 -Jährigen haben. In der Regel sind dann auch in anderen Regionen unseres Körpers (zum Beispiel in den Herzkranzgefäßen, in der Bauchschlagader oder in den Beinarterien) Gefäßveränderungen nachweisbar.

Die Messung der Gefäßwanddicke und die Bestimmung des Gefäßalters dauern nur wenige Minuten, sind einfach und schmerzfrei durchzuführen und finden eine gute Akzeptanz bei den Patienten.

 

„Rauchen, Übergewicht, mangelnde Bewegung, falsche Ernährung, zu hoher Cholesterinwert, Diabetes, Bluthochdruck schaden unseren Blutgefäßen.“ Was noch?

 

Damit haben Sie bereits die wichtigsten Risikofaktoren für das Entstehen und für die Zunahme der Arteriosklerose genannt.

 

Es bestehen noch weitere seltene Risikofaktoren (z.B. erhöhte Blutspiegel einer bestimmten Aminosäure (Homocystein) und andere Stoffwechseldefekte, Infektionserkrankungen (z.B. Keimbesiedlung der Gefäßwände mit Bakterien).

 

Andererseits kann eine vorzeitige Gefäßverkalkung auch bei einem Fehlen der vorerwähnten Risikofaktoren schicksalhaft entstehen, wenn eine entsprechende genetisch-familiäre Veranlagung vorhanden ist (familiäres Risiko), d.h. wenn bereits ein naher Familienangehöriger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitt oder an einer arteriellen Durchblutungsstörung der Beine erkrankte. Auch ist bekannt das Männer – vermutlich durch hormonelle Faktoren – ein verglichen mit dem weiblichen Geschlecht erhöhtes Risiko haben, eine Arteriosklerose zu entwickeln.

 

 

„Woran merkt man, dass etwas nicht stimmt?“

 

Die Entwicklung einer „Gefäßverkalkung“ ist ein schleichender Prozess, der schon früh beginnen kann und in aller Regel langsam fortschreitet. In dieser Frühphase bestehen keine Beschwerden, man spricht deshalb auch von einer asymptomatischen Gefäßerkrankung. So scheint es auch nicht verwunderlich, dass nur etwa jeder zehnte Patient mit einer nachweisbaren Durchblutungsstörung der Beinarterien typische Gehbeschwerden hat.

 

Sind die Gefäßverengungen so gravierend, dass es zu einer Unterversorgung der Beinmuskeln mit sauerstoffreichem Blut kommt, treten typische Wadenschmerzen auf, die den Patienten zum Stehenbleiben beim Gehen zwingen. Man spricht deshalb auch von einer „Schaufensterkrankheit“, da der Betroffene – wie bei einem Schaufensterbummel – immer wiederkehrend stehenbleiben muss. Die Gefäßerkrankung ist dann schon meist fortgeschritten.

 

Andere Beschwerden richten sich natürlich nach der Gefäßregion, die vorrangig durch die Arteriosklerose betroffen ist. So können Durchblutungsstörungen der Gehirnarterien sich durch plötzlich einsetzende Lähmungen, plötzliche Sehstörungen, Sprachstörungen, plötzlicher Schwindel und Gangunsicherheiten und viele weitere Symptome äußern.

 

 

„Was geschieht bei einer Untersuchung?“

 

Am Anfang jeder Untersuchung steht natürlich das ärztliche Gespräch. Dieses ist bei der Fahndung nach einer möglichen Gefäßerkrankung besonders wichtig, da hierbei bestehende und bereits bekannte Risikofaktoren aufgedeckt werden können. Durch die genaue Beschreibung des Beschwerdebildes können bereits wichtige Rückschlüsse auf eine Durchblutungsstörung gewonnen werden.

 

Das Abtasten der Arm- und Fußpulse und das Abhören der Arterien mit dem Stethoskop gehören zu den Basisuntersuchungen, die jeder Arzt durchführen kann. Eine weitere einfache und aussagekräftige Untersuchung stellt die Bestimmung der Blutdruckwerte über den Arm- und Knöchelarterien dar.

 

Mittels hochauflösender Ultraschalluntersuchung können die Gefäße schließlich genauestens abgebildet und beurteilt werden.

 

Und das Beste: Gefäßuntersuchungen sind sicher und tun nicht weh!

 

 

„Warum wird die Halsschlagader untersucht?“

 

Dr. Schulte

Bei der Halsschlagader handelt es sich zunächst um ein Gefäß, welches durch seine Lage bei einer Ultraschalluntersuchung gut zugänglich ist. Bereits geringe Veränderungen der Gefäßwand können sehr genau dargestellt und vermessen werden. Strömungsgeschwindigkeiten und Turbulenzen im Blutstrom können heute ebenfalls sehr genau bestimmt werden.

 

Des Weiteren hat sich in zahlreichen Studien gezeigt, dass die Bestimmung der Gefäßwanddicke (Intima-Media-Dicke) ein guter Parameter ist, um den Grad der Arteriosklerose im menschlichen Körper darzustellen. Die Bestimmung der Intima -Media-Dicke erlaubt ebenfalls eine Vorhersage, ob ein Patient ein erhöhtes Risiko hat, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekommen.

 

 

 

„Ab wann sollte man die Gefäße untersuchen lassen, quasi als Vorsorge?“

 

Eine Krankheitsprävention, d.h. eine Vorbeugung von Krankheiten, ist heute zum Glück ein integraler Bestandteil unseres Gesundheitssystems. Vorsorgeuntersuchungen sind demnach wichtig und können im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung ab dem 35. Lebensjahr in Anspruch genommen werden. Insbesondere Patienten mit bekannten Risikofaktoren (Raucher, Diabetiker, Patienten mit Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen) und Personen mit einem familiären Risiko für Gefäßerkrankungen sollten eine regelmäßige Gefäßuntersuchung durchführen lassen.

 

 

„Wie entsteht ein Verschlussleiden?“

 

Fast 95 Prozent aller arteriellen Gefäßerkrankungen entstehen durch eine Arteriosklerose („Verkalkung“ der Arterien), die auftritt, wenn sich Blutfette, Blutgerinnsel, Bindegewebe und Kalk in den Gefäßwänden ablagern.

 

Die Entstehung der Arteriosklerose ist ein sehr komplexer Vorgang: hier spielen auch lokale Entzündungsprozesse mit Einlagerungen von Fett und Kalk in der Gefäßwand eine Rolle, welche zu einer Verdickung der Gefäßinnenwand führen (sog. arteriosklerotische Plaques).

 

Im Verlauf einer Arteriosklerose wird die Innenhaut der Arterien durch die Ablagerungen immer dicker, sodass sich der Gefäßinnendurchmesser verengt. Außerdem versteifen Kalkeinlagerungen die Arterienwand, und das Blutgefäß verliert seine Elastizität. Reißt die innere Gefäßwandschicht ein, lagern sich Blutplättchen an. Diese können Blutgerinnsel (Thromben) formen und/oder den Gefäßinnendurchmesser weiter reduzieren. Hier besteht die besondere Gefahr, dass ein Gefäß vollständig verschlossen wird und sich als Folge beispielsweise ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall entwickelt.

 

 

„Das geschieht doch sicherlich nicht von heute auf morgen. Über welchen Zeitraum entwickelt sich ein Verschlussleiden?“

 

Die Arteriosklerose ist eine chronische und langsam fortschreitende Erkrankung. Sie beginnt sozusagen vom ersten Lebenstag an. Welches Ausmaß sie annimmt und ob sie zur Krankheit mit den entsprechenden Symptomen wird, hängt neben der genetischen Veranlagung in erster Linie vom Lebensstil, von der Ernährung und entscheidend von den Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, hohem Cholesterin und einer möglichen Zuckererkrankung (Diabetes) ab.

 

Je älter ein Mensch wird, desto ausgeprägter sind in der Regel seine arteriosklerotischen Gefäßveränderungen. Insofern stellt die Arteriosklerose also letztlich einen natürlichen Alterungsprozess dar. Das ist aber auch das Heimtückische der Gefäßerkrankungen, weil sie über viele Jahre unentdeckt langsam voranschreiten können und im Prinzip alle Gefäße mehr oder weniger betreffen können.

 

Kurz gesagt: Die Arteriosklerose fällt meist erst durch Symptome auf, wenn die Betroffenen ein mittleres und höheres Lebensalter erreicht haben, was aber nicht heißt, dass schon viel früher schwere Gefäßveränderungen vorliegen können.

 

 

„Kann man geschädigte Blutgefäße therapieren (medikamentös od. chirurgisch?)“

 

Stellen wir bei einer Gefäßuntersuchung fest, dass die Arterien vorgealtert beziehungsweise geschädigt sind, so kann man in vielen Fällen den weiteren Gefäßalterungsprozess verzögern. Wenn es gelingt, Risikofaktoren abzubauen und beispielsweise ein hohes Cholesterin zu senken, verlangsamt sich die weitere Wanddickenzunahme erheblich. Und die verbleibende Lebenserwartung wird wieder länger. Das wurde in groß angelegten Studien mehrfach nachgewiesen.

 

Arterielle Gefäßerkrankungen zu therapieren bedeutet also zunächst, die Risiken der Arteriosklerose auszuschalten. Im Einzelnen heißt das:

-  auf Rauchen verzichten,

-  den Bluthochdruck senken,

-  erhöhte Cholesterin- und Homozysteinwerte senken,

-  eine Diabetes-Erkrankung optimal einstellen,

-  das Körpergewicht reduzieren und

-  auf eine regelmäßige Bewegung achten.

Diese Bestrebungen können natürlich auch medikamentös unterstützt werden, unerlässlich ist aber die Bereitschaft des Patienten, durch regelmäßige körperliche Aktivität, eine Ernährungsumstellung und eine mögliche Gewichtsreduktion „sein Leben selbst in die Hand zu nehmen“!

 

Eine medikamentöse Basistherapie stellt der Einsatz sogenannter Thrombozytenfunktionshemmer (z.B. Acetylsalicylsäure (ASS) und Clopidogrel) dar. Diese Substanzen hemmen durch eine Verhinderung der Anlagerung von Blutgerinnseln an der geschädigten Gefäßwand ein Fortschreiten der Arteriosklerose. Darüber hinaus können auch durchblutungsfördernde Medikamente vom Arzt verordnet werden.

 

Invasive Maßnahmen wir die Katheterbehandlung von Gefäßveränderungen durch Ballonaufdehnung und Einbringen einer sog. Gefäßstütze (Stent) und operative Maßnahmen (z.B. Bypassoperation) kommen erst bei einer fortgeschrittenen Gefäßerkrankung zum Einsatz.

 

 

„Kann man selbst noch etwas verbessern, wenn bereits ein Befund vorliegt? Etwa durch Sport, Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion?“

 

Hier nennen Sie bereits die wichtigsten Maßnahmen, um eine Erkrankung Ihrer Arterien zu stoppen, bzw. hinauszuzögern. Eine, um nicht zu sagen die entscheidendste Maßnahme ist jedoch der Rauchstopp. Eine arterielle Durchblutungsstörung tritt bei Rauchern bis zu 10 Jahre früher auf als bei Nicht -Rauchern, Raucher haben ein 15-fach erhöhtes Risiko, eine Gefäßerkrankung zu entwickeln. Die Rauchinhaltsstoffe sind Gift für Ihre Gefäße, jede Zigarette schädigt Ihre Arterien.

 

Eine konsequente Raucherentwöhnung ist demnach für eine effektive Therapie von Gefäßerkrankungen unerlässlich.

 

Sportliche Betätigung, eine Ernährungsumstellung und eine Gewichtsreduktion können die Blutfette und zu hohe Blutdruckwerte deutlich senken und helfen, eine bestehende Zuckerkrankheit zu verbessern.

 

 

„Was ist wenn man erblich vorbelastet ist? Z.B. wenn ein Elternteil ein Verschlussleiden hatte. Unausweichliches Schicksal oder kann man vorbeugen?“

 

Zunächst muss das nicht zwangsläufig heißen, dass wenn ein Elternteil oder ein naher Angehöriger eine Gefäßerkrankung hat, man selbst ebenfalls diese Erkrankung erleidet, es besteht lediglich ein erhöhtes Risiko.

 

Wenn aber doch in der Frühphase der Erkrankung Gefäßveränderungen beobachtet werden können, lässt sich die Erkrankung häufig effektiv herauszögern, vielfach gelingt es auch die Erkrankung zu stoppen. Neben den Maßnahmen der Vermeidung zusätzlicher Risikofaktoren unter Aspekten der vorbeugenden Medizin (Präventivmedizin) kann auch medikamentös das Fortschreiten der Erkrankung aufgehalten werden.

 

 

„Sind Männer und Frauen gleich stark betroffen/gefährdet?“

 

Während im mittleren Lebensalter (zwischen 35. und 55. Lebensjahr) überwiegend Männer von einer Gefäßerkrankung betroffen sind, finden sich im höheren Alter zunehmend häufiger auch Frauen mit einer relevanten Arteriosklerose. Bei den Durchblutungsstörungen der Beinarterien finden sich in diesem Lebensalter bis zu 5mal häufiger Männer als Frauen. Bei Frauen entwickelt sich eine Gefäßerkrankung durchschnittlich 10 bis 15 Jahre später als beim Mann.

 

Vor den Wechseljahren stehen Frauen unter dem Einfluss „gefäßschützender“ Hormone (Östrogene). Nach der Menopause steigern arteriosklerotische Gefäßveränderungen bei Frauen sprunghaft an, wenn der Schutzeffekt der Östrogene fehlt.

 

Tatsächlich geht die Menopause mit zahlreichen Stoffwechselveränderungen einher, die als Risikofaktoren für arteriosklerotische Gefäßwandveränderungen diskutiert werden. So steigen Gesamt- und LDL-Cholesterin sowie Triglyceride an, das „gute“ HDL-Cholesterin fällt leicht ab. Außerdem wird der Zuckerstoffwechsel ungünstig beeinflusst.

 

 

„Ist eine Zunahme der Gefäßerkrankung aufgrund der veränderten Lebensumstände zu verzeichnen?“

 

Auch in den nächsten Jahren ist mit einer weiteren Zunahme der Gefäßerkrankungen zu rechnen. Zwar ist der Anteil vor allem junger Raucher in den letzten Jahren dank zahlreicher Aufklärungskampagnen erfreulicher Weise zurückgegangen. Dafür finden sich aber in unserer Gesellschaft immer mehr Patienten mit Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Diabetes und besonders Patienten mit erheblichem Übergewicht.

 

Die meisten Deutschen sind fehlernährt! 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen haben in Deutschland ein deutliches Übergewicht. Dies war das zentrale Ergebnis der „Deutschen Verzehrstudie“, welche 2008 veröffentlicht wurde. Neuste Studien zeigen sogar, dass bereits leichtes Übergewicht die Lebenserwartung stark beeinträchtigen kann.

 

Auch die derzeitige demographische Entwicklung mit einem zunehmenden Anteil älterer Menschen in unserer Bevölkerung, trägt neben der steigenden Lebenserwartung zu einer Zunahme der Gefäßerkrankungen gravierend bei.

 

 

„Ganz kurz: Was raten Sie unseren Lesern.“

 

Vorsorge, Früherkennung und die rechtzeitige Behandlung bestehender Gefäßleiden sind die wesentlichen Voraussetzungen für eine möglichst wirkungsvolle Gesunderhaltung auch im mittleren und höheren Lebensalter.

Bleiben Sie deshalb „so jung wie Ihre Gefäße“!

 

Herzlichen Dank Herr Dr. Schulte für das ausführliche Gespräch.

 

Dr. med. Stefan Schulte
Facharzt für Chirurgie und Gefäßchirurgie
Leiter des Gefäßzentrum Köln Am Neumarkt
in der PAN-Klinik

Zeppelinstr. 1
50676 Köln

Telefon 0221-2776-750
Fax 0221-2776-755

www.gefaesszentrum-koeln.de
kontakt@www.gefaesszentrum-koeln.de

 

Herr Dr. Schulte ist ehrenamtlich als Generalsekretär der Deutschen Gefäßliga tätig.
Die Deutsche Liga zur Bekämpfung von Gefäßerkrankungen e.V. fördert als gemeinnütziger Verein die Aufklärung der Bevölkerung über die Bedeutung der Gefäßerkrankungen als Risikofaktor für Gesundheit und Leben. Die Deutsche Gefäßliga entwickelt, unterstützt und verwirklicht Maßnahmen zur Verhinderung (z.B. Vorsorgeprogramme) und Bekämpfung von Gefäßerkrankungen. Weitere Informationen zur Gefäßliga finden Sie unter der Internetadresse www.deutsche-gefaessliga.de.

 

Das Interview mit Herrn Dr. med. Schulte führte Gabriela Zander-Schneider


© Gabriela Zander-Schneider, September 2012
Das Copyright für das Interview verbleibt bei der Autorin. Eine Vervielfältigung oder Verwendung (auch auszugsweise) der Texte, Bilder, Grafiken in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist ohne ausdrückliche Zustimmung der Autorin Gabriela Zander-Schneider nicht gestattet.

 

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Interview mit Herrn Dr. med. Bernd Remy, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Malteser Krankenhaus St. Hildegardis, Köln,
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Pneumologie und Intensivmedizin.

 

 

Dr. Remy

Das Herz gilt als das Symbol für Leben, Liebe, Leid, Glück, Mut, Traurigkeit uvm. Tag für Tag, viele Jahrzehnte lang vollbringt unser Herz eine unglaubliche Leistung ohne dass wir darüber nachdenken.

Viel muten wir unserem Herz zu. Stress, Ärger, Rauchen, ungesunde Ernährung, fehlende Bewegung usw. Es schlägt zuverlässig und ohne Störungen. Wir können uns auf unser Herz verlassen. „Dein ist mein ganzes Herz“ heißt ein alter Schlager. Ja, symbolisch können wir es verschenken, vielleicht sogar mehrmals. Aber in der Realität haben wir nur EIN Herz. Und das gilt es wert zu schätzen. Es ist wichtig sein eigenes Herz im täglichen Trubel, im Beruf, in der Familie, im Pflegealltag auch ein wenig zu pflegen.

Ein Herzinfarkt kann uns alle treffen. Männer wie Frauen!

Ganz bewusst haben wir für diesen Beitrag das Thema „Herzinfarkt bei Frauen“ gewählt. Denn noch immer ist der Glaube weit verbreitet, dass dies eher „Männersache“ sei.

 

 

 

Lesen Sie hierzu das aktuelle Interview mit Herrn Dr. med. Bernd Remy,
Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Malteser Krankenhaus St. Hildegardis, Köln
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Pneumologie und Intensivmedizin.

 

 

Stimmt es dass ein Herzinfarkt bei Frauen andere Symptome zeigt als beim Mann?

Typische Symptome des Herzinfarktes wie heftiger linksseitiger Brustschmerz mit evtl. Ausstrahlung in den linken Arm oder den Kiefer verbunden mit Todesangst, können selbstverständlich auch bei Frauen auftreten. Daneben kann sich bei Frauen ein Herzinfarkt auch eher einmal mit unspezifischen Beschwerden bemerkbar machen. Dies sind z. B. &Uuuml;belkeit, Schweißausbruch, Luftnot, Erbrechen, Schmerzen in Oberbauch, Schulter oder auch in der rechten Brustseite. Wichtig ist es mir in diesem Zusammenhang zu betonen, dass im Falle eines Auftretens von Beschwerden dieser Art in bisher nicht bekannter Heftigkeit umgehend Hilfe über den Rettungsdienst – Notruf 112 - angefordert werden sollte.


Woran liegt es dass bei der gleichen Erkrankung die Symptome unterschiedlich sind?

Es ist mit Sicherheit nicht so, dass die Unterschiede der Symptome beim Herzinfarkt zwischen Frauen und Männern so gravierend sind wie oft dargestellt. Es gibt auf der einen Seite viele Frauen, die bei einem Herzinfarkt ganz typische Beschwerden angeben, während auf der anderen Seite auch bei vielen Männern eher untypische Symptome vorliegen. Woran es letztendlich liegt, dass Frauen doch etwas eher atypische Herzinfarktsymptome haben als Männer, ist meines Wissens nach nicht endgültig geklärt.


Was passiert bei einem Herzinfarkt?

Bei einem Herzinfarkt kommt es zum Verschluss eines Herzkranzgefäßes durch ein Blutgerinnsel. Hierdurch wird die Durchblutung eines Teils des Herzmuskels unterbrochen. Dieser Teil des Herzmuskels stirbt dann ab, wenn es nicht gelingt innerhalb kurzer Zeit den Verschluss wieder zu eröffnen. Früher wurden hierzu Medikamente eingesetzt, die das Blutgerinnsel auflösen sollten. Die besseren Heilungsaussichten bestehen jedoch bei der Durchführung einer Herzkatheteruntersuchung, bei der der Verschluss mit Hilfe eines Ballonkatheters beseitigt wird und ein Stent, dies ist eine Gefäßstütze aus einem dünnen Metallgeflecht, in das Herzkranzgefäß eingebracht wird.


Tritt ein Infarkt plötzlich auf oder gibt es Warnzeichen?

Bei einem Teil der Patienten ist der Herzinfarkt ein plötzlich eintretendes Ereignis, ohne dass es vorher darauf hindeutende Symptome gegeben hätte. Bei dem anderen Teil der Patienten gibt es durchaus in der Vorgeschichte Beschwerden, die den Verdacht auf das Vorliegen einer Koronaren Herzerkrankung, d. h. einer durch eine Arteriosklerose bedingten Einengung der Herzkranzgefäße, nahelegen. Dies sind z. B. typischerweise das Auftreten von Luftnot oder Engegefühl in der Brust bei körperlicher Belastung, oder auch in psychischen Stresssituationen.


Wie ist der Verlauf?

Der Verlauf eines Herzinfarktes kann sehr unterschiedlich sein. Nicht wenige Patienten bemerken ihren Infarkt überhaupt nicht, man spricht dann auch von einem „stummen Infarkt“. Dieser wird dann erst später, z. B. anlässlich einer Herz- Ultraschalluntersuchung festgestellt. Im anderen Extremfall führt dagegen der Herzinfarkt leider sehr schnell zum Tod, in vielen Fällen durch Herzrhythmusstörungen, die durch den Infarkt ausgelöst werden. Oft passiert dies ganz früh nach Eintritt des Infarktes, hier ist noch einmal wichtig zu betonen, wie entscheidend es ist, beim Auftreten von Symptomen eines Herzinfarktes, den Rettungsdienst zu alarmieren. Ist der Patient erst einmal in professionellen Händen, sind seine Chancen gut, auch schwere Herzrhythmusstörungen durch entsprechende Therapien zu überleben. Für das weitere Schicksal des Patienten ist es entscheidend, möglichst rasch das verschlossene Herzkranzgefäß wieder im Herzkatheterlabor zu eröffnen, damit möglichst wenig Herzmuskelgewebe verloren geht. Hiermit kann am erfolgreichsten der Entstehung von Folgeschäden, wie der Ausbildung einer Herzschwäche, entgegen gewirkt werden. Bei unkomplizierten Herzinfarkten ist es heute dann häufig möglich, das Krankenhaus bereits nach wenigen Tagen wieder zu verlassen.


Zu den bekannten Risikofaktoren gehören Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel, erhöhter Blutdruck, erhöhte Cholesterinwerte. Welche Risiken zählen noch dazu?

Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist die Zuckerkrankheit, der Diabetes mellitus. Auch die familiäre Belastung, sprich das Auftreten der Koronaren Herzkrankheit bei Eltern und Geschwistern ist ein wichtiger Risikofaktor. Diese genetische Last ist jedoch naturgegeben nicht zu beeinflussen.


Sind die Risiken bei Frauen durch die Einnahme von Hormonen (Pille, Wechseljahre) höher als bei Männern?

Die Einnahme der Anti-Baby-Pille stellt insbesondere in Kombination mit dem Zigarettenrauchen einen besonderen Risikofaktor für das Auftreten eines Herzinfarktes dar. Bei Frauen mit Diabetes mellitus erhöht sich das Risiko, im Vergleich zu ebenfalls von dieser Erkrankung betroffenen Männern, um das Doppelte, eine Herz-Kreislauferkrankung zu bekommen.


Welche Altersgruppen sind besonders gefährdet?

Nach den Wechseljahren steigt das Risiko für Frauen, einen Herzinfarkt zu erleiden deutlich an, also etwa ab dem 55. – 60. Lebensjahr. Zuvor ist ihr Infarktrisiko deutlich geringer als das der Männer. Die genaue Ursache hierfür ist nicht bekannt. Eine gängige Theorie hierzu besagt, dass die weiblichen Geschlechtshormone, die Östrogene, einen günstigen Einfluss auf die Zusammensetzung der Blutfette haben. Durch den Rückgang dieser Hormone in den Wechseljahren steigt dann das Infarktrisiko für Frauen deutlich an.


Gerade Frauen sind häufig durch Beruf, Haushalt und Kinder stark belastet. In der 2. Lebenshälfte kommt heutzutage nicht selten die Pflege eines Elternteils oder gar die Pflege des erkrankten Partners hinzu. Viele pflegende Angehörige klagen über eine massive überbelastung und fehlende Auszeiten. Zählen Stress und ständige überbelastung nicht auch zu den Risikofaktoren?

Bei einem vorgeschädigtem Herz kann eine akute Stresssituation durchaus einen Herzinfarkt auslösen. Bei vielen Menschen mit einer dauerhaften überlastungssituation sind auch die bekannten Risikofaktoren für das Entstehen einer Koronaren Herzerkrankung erhöht. Dies sind vor allem das Rauchen, ungesundes, zu fettes Essen und Bewegungsmangel. Wer sich überlastet und zu wenig Auszeiten hat, kümmert sich in der Regel zu wenig um sich selbst und seine Gesundheit.


Nicht selten ist der Griff zu frei verkäuflichen Arzneimitteln um z.B. Schmerzen, Nervosität oder Schlafstörungen zu lindern. Welche Gefahren bestehen dabei?

Es besteht immer die Gefahr, dass Beschwerden vom Patienten falsch gedeutet werden und zunächst versucht wird, mit frei verkäuflichen Arzneimitteln selbst an diesen herum zu doktern. Wichtig ist aber zunächst zu klären, welche Ursache Beschwerden zu Grunde liegt, vor allem um auch ernsthafte Erkrankungen nicht zu übersehen und zu verschleppen. Also gerade bei neu aufgetretenen Symptomen sollte zunächst der Weg zum Hausarzt führen, bevor man sich selbst in der Apotheke eindeckt.

Die Möglichkeiten, dass Medikamente sich nicht miteinander vertragen sind endlos und für Laien nicht durchschaubar. Hier ist es von großer Bedeutung, dass der Hausarzt von allen Medikamenten, die man einnimmt, Kenntnis hat, auch von denen, die von einem anderen Arzt verschrieben worden sind oder die man sich selbst aus der Apotheke besorgt hat.


Wie sieht eine gute Prophylaxe aus?

Fast alle der bekannten Risikofaktoren sind durch eine gesunde Lebensführung positiv zu beeinflussen. Auch in bereits fortgeschrittenem Lebensalter profitiert man von der Beeinflussung dieser Risikofaktoren deutlich. Nicht genug kann man auf die Wichtigkeit hinweisen, mit dem Rauchen aufzuhören. Eine gesunde ausgewogene Ernährung spielt ebenfalls eine große Rolle. Hier sollte insbesondere darauf geachtet werden, eher Obst und Gemüse, fettarme Milchprodukte und fettarmes Fleisch, Fisch und ungesättigte Fette, wie Raps- oder Olivenöl zu konsumieren. Ungünstiger sind aus ernährungsphysiologischer Sicht Eier, fettreiche Milchprodukte wie Butter, fettes Fleisch und fette Wurst. Ein besonderes

Augenmerk sollte in diesem Zusammenhang auch auf versteckte Kalorien, wie in gesüßten Getränken gelegt werden. Insgesamt sollte natürlich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Energieverbrauch und Nahrungsaufnahme bestehen. Hier helfen regelmäßige sportliche Aktivitäten, aber auch im täglichen Leben lässt sich so manche Kalorie extra verbrennen. Eher mal die Treppe als den Aufzug benutzen, mit dem Fahrrad anstatt dem Auto Besorgungen erledigen, die Liste der Beispiele ließe sich sicherlich endlos fortsetzen. Falls man jedoch länger körperlich inaktiv gewesen ist, sollte vor der Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten eine Untersuchung beim Arzt erfolgen um den aktuellen Gesundheitszustand und Sporttauglichkeit festzustellen.


Welche Vorsorgeuntersuchungen gibt es und wie oft sollte man zur Vorsorge gehen?

 

Im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung besteht für alle Versicherten ab dem Alter von 35 Jahren der Anspruch auf eine Gesundheitsvorsorgeuntersuchung. Diese Untersuchung kann alle zwei Jahre durchgeführt werden, die Praxisgebühr wird hier nicht fällig. Im Rahmen dieser Untersuchung erfragt der Arzt oder Ärztin, ob aktuelle Erkrankungen der Patientin bzw. des Patienten oder in der Familie vorliegen. Es folgen eine körperliche Untersuchung einschließlich einer Blutdruckmessung, es werden die Blutwerte für Blutzucker und Cholesterin bestimmt, eine Urinuntersuchung gibt Aufschluss über das mögliche Vorliegen einer Nierenerkrankung. Alle erhobenen Befunde werden dann mit der Patientin bzw. dem Patienten besprochen.


Schön wäre es wenn Sie einige Zahlen und Fakten zur Hand hätten

Nach Angaben des Statistischen Jahrbuchs sind im Jahr 2009 in der Bundesrepublik Deutschland 56.225 Menschen an einem Herzinfarkt verstorben. Hiervon waren 30.934 Männer und 25.292 Frauen. Seit Einführung des Rauchverbotes in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten ist es zu einem erfreulichen Rückgang der Herzinfarkte um etwa 14 % gekommen. Wobei immer noch von insgesamt etwa 280.000 Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkte im Jahr ausgegangen werden muss.

Herzlichen Dank Herr Dr. Remy für das ausführliche Gespräch.

Das Interview mit Herrn Dr. med. B. Remy führte Gabriela Zander-Schneider



© Gabriela Zander-Schneider, Juli 2012
Das Copyright für das Interview verbleibt bei der Autorin. Eine Vervielfältigung oder Verwendung (auch auszugsweise) der Texte, Bilder, Grafiken in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist ohne ausdrückliche Zustimmung der Autorin Gabriela Zander-Schneider nicht gestattet.

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R. Wagner

Interview mit Raimond Wagner, unabhängiger Pflegeberater, Köln zum Thema Pflegeberatung.

Was versteht man unter Pflegeberatung?

Die Pflegeberatung hat in erster Linie nichts mit der pflegenden Tätigkeit an sich zu tun. Die Beratung beinhaltet die Beantwortung von Fragen zur Organisation, Finanzierung und Umsetzung von gewünschten, notwendigen bzw. erforderlichen Unterstützungen.

Wenn ein Angehöriger von Pflegebedürftigkeit betroffen ist, stellen sich viele Fragen, wie z.B.:

-   Welche Leistungen gewährt die Pflege- oder ggf. die Krankenkasse?
-   Was muss beachtet werden, um Geld- oder Sachleistungen zu erhalten?
-   Wer übernimmt die Pflege, wenn die Pflegeperson selbst erkrankt oder
    eine Auszeit braucht?

Um im Dickicht gesetzlicher Vorschriften überhaupt den Überblick über Pflegeleistungen und den richtigen Weg zu einer maßgeschneiderten Versorgung des zu Pflegenden zu finden, bedarf es der Unterstützung von Fachleuten, die sich mit der Komplexität der Pflege- und Krankenversicherung usw. auskennen.


Wie kann ich mir Ihre Arbeit als Pflegeberater vorstellen, Herr Wagner?

Ich erstelle für die von Pflegebedürftigkeit Betroffenen einen auf ihre Bedürfnisse und Wünsche zugeschnittenen Versorgungsplan.

Er beinhaltet z. B.

-   Welche Hilfe ist bei der hauswirtschaftlichen Versorgung gewünscht
    und welcher kompetente Anbieter kann diese Leistungen sicherstellen?
-   Welcher Pflegedienst kann die notwendigen Pflegeleistungen zu den
    gewünschten Zeiten langfristig sicherstellen?
-   Welcher Haus-Not-Ruf eignet sich am besten und bietet den gewünschten
    und notwendigen Hintergrunddienst an?
-   Welcher Anbieter für warme Mahlzeiten im näheren Wohnumfeld, liefert für
    das leibliches Wohl an den gewünschten Tagen eine schmackhafte Mahlzeit?
-   Wer kann bei Mobilität, Unterhaltung und Freizeitgestaltung unterstützen?
    z. B. Begleitung zum Kaffeeklatsch, Skatrunde, Arzt oder beim Besuch
    des Gottesdienstes oder des Friedhofs.
-   Wenn eine andere Wohnform, wie z. B. betreutes Wohnen, Senioren- WG`s
    oder auch ein Pflegeheim gesucht wird, treffe ich nach eingehenden Gesprächen
    eine Vorauswahl in Frage kommender Anbieter und begleite auf Wunsch bei den
    Besichtigungsterminen.


Sie erstellen also einen sozusagen maßgeschneiderten Plan?

Das ist richtig. Ich erstelle einen individuellen Plan und begleite auch bei der Umsetzung. Denn jeder einzelne Mensch ist der Fachmann oder die Fachfrau für sein/ihr Leben und weiß selbst am besten, was gut für ihn/sie ist. Ich bin quasi der Lotse bei der Umsetzung der Wünsche und Vorstellungen.


Das hört sich ja richtig gut an. Wie werden all diese Leistungen denn finanziert?

Nun da gibt es ja unterschiedliche Möglichkeiten: Das kann die Nachbarschaftshilfe, oder die Kirchengemeinde sein die ehrenamtliche Helfer haben, die die Freizeitgestaltung unterstützen.

Ich prüfe aber auch im Vorfeld, ob es Sinn macht, einen Antrag auf Pflegegeld zu stellen und sollte das der Fall sein, bin ich auch auf Wunsch bei der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Pflegekassen anwesend, um moralisch zu unterstützen und darauf zu achten, dass auch alle relevanten Punkte der Begutachtung richtig berücksichtigt werden.


Die Anträge auf Bewilligung von Pflegegeld haben ja nicht immer Erfolg. Was dann?

Dann hat man die Möglichkeit gegen den Bescheid Widerspruch einzulegen. Auch hier kann ich als Pflegeberater unterstützend zur Seite stehen.


Welche Leistungen kann man bei der Pflegekasse beantragen?

Z.B.:
-   Pflegegeld
-   Pflegesachleistungen
-   Kurzzeit- und Verhinderungspflege
-   Tages- und Nachtpflege
-   Zusätzliche Betreuungsleistungen für Menschen mit Demenz
-   Pflegehilfsmittel und technische Hilfen und ggf. Umbauten
-   Leistungen in vollstationären Einrichtungen.
-   Ab 2013 gibt es noch eine weitere Unterstützung für die Organisation von
    Pflegewohngemeinschaften für Menschen mit Demenz, die aus der
    Pflegeversicherung besonders unterstützt werden.


Hat auf diese Leistungen jeder Anspruch?

Grundsätzlich ja, Voraussetzung ist aber erst einmal, dass eine Pflegstufe anerkannt wird. Und dann ist die Pflegeversicherung auch keine Vollkaskoversicherung sondern eher eine Teilkaskoversicherung mit Eigenanteil.


Was geschieht, wenn das Geld der Pflegeversicherung nicht ausreicht?

Wenn eigene finanzielle Mittel nicht ausreichen muss geprüft werden, wer noch als Kostenträger in Frage kommen kann. Beispielwiese das Sozialamt mit Hilfe zum Lebensunterhalt.


Also wieder Anträge stellen?

Stimmt, aber auch hier kann ich als Pflegeberater unterstützend tätig werden.


Für pflege- oder hilfebedürftige Menschen und ihre Angehörige ist Ihre Arbeit sicherlich eine große Hilfe.

Viele Pflegende drohen nach einiger Zeit selbst krank zu werden. So helfe ich auch bei der Beantragung von Kuren für pflegende Angehörige, die unbedingt mit ihren Kräften haus halten müssen.


Das ist wirklich eine große Entlastung für alle, die mit ihren Fragen und Sorgen in der häuslichen Pflege überfordert sind. Gut zu wissen, wo man sich vor allem unabhängige Beratung und qualifizierte Unterstützung holen kann.

In eigener Sache möchte ich noch darauf hinweisen, dass Herr Wagner jeden Mittwoch in der Zeit von 17:00 bis 18:30 Uhr im Büro der Alzheimer Selbsthilfe e.V. im Malteser Krankenhaus St. Hildegardis, Bachemer Str. 29-33, 50931 Köln kostenlos für ein Beratungsgespräch zur Verfügung steht. Eine telefonische Anmeldung oder per mail ist aufgrund der großen Nachfrage erforderlich.


Das Interview mit Raimond Wagner führte Gabriela Zander-Schneider.


Raimond Wagner
Unabhängige Pflegeberatung für Köln und Umgebung
www.pflegeberatungkoeln.de
Telefon: 0221 / 94 65 53 08 oder
mobil:   0176 / 39 72 32 07
Terminvereinbarungen auch über die Alzheimer Selbsthilfe e.V. unter 02234/979012 oder per mail info@alzheimer-selbsthilfe e.V. möglich.


© Gabriela Zander-Schneider, 2012
Das Copyright für das Interview verbleibt bei der Autorin. Eine Vervielfältigung oder Verwendung (auch auszugsweise) der Texte, Bilder, Grafiken in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist ohne ausdrückliche Zustimmung der Autorin Gabriela Zander-Schneider nicht gestattet.

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Dr. Hoffmann

Interview mit Dr. Jochen G. Hoffmann, Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin des Malteserkrankenhaus St. Hildegardis, Köln zum Thema Möglichkeiten zur Senkung der Risikofaktoren und Prävention vor einer Demenzerkrankung.

 

 

 

Was versteht man unter Prävention?

 

Prävention (lat. "abwenden") meint die gezielte Abwendung oder Vermeidung von Gefahren oder schlechten Ereignissen.
In der Medizin unterscheidet man folgende Formen:
Primärprävention umfasst die Aktivitäten vor Eintritt einer fassbaren Erkrankung.
Sekundärprävention beinhaltet alle Maßnahmen zur Entdeckung klinisch symptomloser Krankheitsfrühstadien. Als Sekundärprävention wird jedoch meist die Verhinderung einer Wiederholungserkrankung nach behandelter Ersterkrankung bezeichnet.
Tertiärprävention wird verstanden als die wirksame Behandlung einer symptomatisch gewordenen Erkrankung mit dem Ziel, eine Verschlimmerung zu verhüten.

 

 

Ist bei Alzheimer Prävention bzw. Vorbeugung überhaupt möglich?

 

Eine Prävention von Alzheimer ist teilweise möglich. Allerdings nur insoweit, als wir auf einen späteren Beginn der Symptome bzw. einen verzögerten Krankheitsverlauf hinarbeiten können. Das eigentliche Krankheitsgeschehen im Gehirn kann nicht verhindert werden. Wichtig ist ähnlich wie bei Gefäßerkrankungen die Vermeidung bzw. Beeinflussung von Risikofaktoren wie beispielsweise hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte (Cholesterin) und Diabetes mellitus. Weitere zu beeinflussende Faktoren sind Tabakkonsum und ein erhöhter Homocysteinspiegel (eine natürlich vorkommende Aminosäure; Aminosäuren sind Eiweißbestandteile; der Blutspiegel ist beispielsweise bei Mangel an B-Vitaminen erhöht).

 

 

Welche Bedingungen erhöhen das Risiko, an einer Alzheimer Krankheit zu erkranken?

 

Der wichtigste Risikofaktor ist das Alter. Das Erkrankungsrisiko nimmt mit zunehmendem Alter zu, das Vorkommen der Krankheit steigt vor allem nach dem 65. Lebensjahr von Jahr zu Jahr weiter an.
Männer haben ein höheres Risiko als Frauen. Das zeigen Untersuchungen, der genaue Grund dafür ist unklar.
Genetische Merkmale können eine Rolle spielen (z.B. Apo E-4, eine Genmutation auf dem Chromosom 19, durch die die Regulation des Fettstoffwechsels beeinflusst wird.).
Das sind Faktoren, die fast nicht beeinflussbar sind.

Auch die Schulbildung spielt eine Rolle. Je kürzer die Schulzeit, desto höher offenbar das Risiko. Offenbar ist eine Alzheimer Demenz mit spätem Beginn mit einem niedrigen Leistungsvermögen in der Kindheit assoziiert. Andererseits weiß man, dass geistige Beanspruchung zur Zunahme der Synapsen und zu einer Neubildung von Nervenzellen führt.
Ein langjähriges geistiges Training durch Schule und Beruf könnte so dem Entstehungsprozess der Alzheimer Krankheit zumindest teilweise entgegen wirken.

 

 

Welche Risikofaktoren können vermieden werden, sind also beeinflussbar?

 

Man sollte ein intellektuell und sozial stimulierendes Leben führen. Sport treiben oder sich zumindest regelmäßig bewegen. Das ist wichtig, da auf diese Weise nicht nur Kraft, Ausdauer und Koordination verbessert werden, sondern sich auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit verbessert. So werden vermehrt Reserven geschaffen, die bei Erkrankung sozusagen einen gewissen Schutz bieten, da so, wie gesagt, neue Verknüpfungen zwischen den Hirnzellen (Synapsen) gebildet werden können und sich sogar neue Nervenzellen entwickeln. Dies wirkt dem Absterben von Neuronen bedingt durch Alzheimer entgegen.

Einer ausgewogenen Ernährung kommt Bedeutung zu. Empfohlen wird eine mediterrane Kost mit genügend Obst, Gemüse, Fisch, Nüssen, ungesättigten Fettsäuren (z.B. Rapsöl, Olivenöl und Fischöl...) und nicht zu viel Fleisch, weil sich das u.a. auf die Risikofaktoren Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und Diabetes mellitus positiv auswirkt. Es sollte auch kein Überangebot an Kalorien sein, Übergewicht ist zu vermeiden.

Unterernährung ist aber schädlich, auch ein Vitaminmangel (z.B. Vitamin B12) wirkt sich schädigend aus.

Chronischer Stress wird als möglicher Risikofaktor einer Alzheimer Erkrankung angesehen.

 

 

Bringt „Gehirnjogging“ oder Gedächtnistraining etwas?

 

Wie bereits gesagt, spielt geistige Aktivität eine positive Rolle. In diesem Zusammenhang kann auch kognitives Training zum Tragen kommen. Es gibt Hinweise, dass derartige Trainingsformen effizient sein können. Untersuchungen zeigen, dass es bestimmte mentale Funktionen steigern kann, Alltagsaktivitäten verbessern kann und die Effekte insgesamt langfristig sein können. Insgesamt können Defizite und auch eine Demenzentwicklung anscheinend verzögert werden.
Die wissenschaftliche Evidenz ist allerdings gering.

 

 

Welche Rolle kommt körperlicher Aktivität zu?

 

Untersuchungen zeigen, dass bei Menschen im fortgeschrittenen Alter zwischen 70 und 95 Jahren mit dem Maß körperlicher Aktivität das Risiko sinkt, an einer Demenz zu erkranken. Gute Ergebnisse werden auch bei der Kombination von körperlicher und geistiger Aktivität erzielt. Eine derartige duale Beanspruchung steigert die mentale Leistung besonders.

 

 

Welche soziobiographischen Konsequenzen können sich aus der Alzheimer Forschung ergeben?

 

Untersuchungen zeigen, dass sozial aktive Senioren mit ähnlichen Alzheimer typischen Veränderungen geistig fitter sind als die weniger aktiven. Einsamkeit erhöht offenbar das Risiko.
Offenbar kann Alzheimer umso länger hinausgezögert werden, je länger Menschen aktiv im Leben stehen bzw. anspruchsvollen Tätigkeiten nachgehen.
Daraus folgt ein Plädoyer für ein aktives Leben, möglichst lebenslang. Auch spricht einiges dafür, beispielsweise Berufstätigkeit, wenn möglich, nicht zu früh aufzugeben. Auch ehrenamtliches Arbeiten kann dazu zählen. Soziale Kontakte, Bewegung, richtige Ernährung, Vermeidung von Gefäßrisikofaktoren bis ins hohe Alter sind die Basis.

 

 

Kann man auch später sein Leben noch umstellen oder ist es dann schon zu spät?

 

Es ist eigentlich fast nie zu spät, Prävention ist bis ins hohe Alter möglich.
Beispielsweise steigert kognites Training zumindest bei gesunden Älteren die geistige Leistungsfähigkeit, wie Untersuchungen zeigen. Außerdem die Fähigkeiten, den Alltag zu meistern (Alltagskompetenz). Diese Effekte sind offenbar langfristig wirksam, und auch die Entwicklung einer Demenz kann herausgezögert werden. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass man nicht noch später sein Leben erfolgreich umstellen kann.

 

 

Rudi Assauer ist recht jung erkrankt. Er war als Fußballer aktiv und sportlich. Später als Manager stand er in der Öffentlichkeit, musste Reden halten, hatte viele soziale Kontakte. Er hatte doch eigentlich eine gute Prophylaxe oder? Es heißt, dass er erblich vorbelastet sei. Wie groß ist das Risiko für Angehörige wenn einer in der Familie an Alzheimer Demenz erkrankt ist?

 

Es gibt eine seltenere familiäre, erbliche Form der Alzheimer Krankheit, die weniger als 5% der Erkrankungsfälle betrifft, und bei der mehrere Gendefekte eine Rolle spielen können. Die weitaus häufigere Variante ist die sogenannte sporadische Form, die nicht familiär gehäuft auftritt.
Die erwähnte erbliche Form tritt vor dem 65. Lebensjahr auf, sie betrifft meist Menschen zwischen 30 und 60 Jahren. Das ist aber, wie schon gesagt, relativ selten. Wenn neben der familiären Belastung allerdings noch Risiken wie beispielsweise Nikotin und hoher Blutdruck dazukommen, erhöht sich das Risiko weiter.


Dr. med. Jochen Gerd Hoffmann
Arzt für Innere Medizin, Klinische Geriatrie, Physikalische Therapie
und Palliativmedizin, Silviahemmet-Instruktor
Chefarzt Malteser Krankenhaus St. Hildegardis
Zentrum für Altersmedizin und Demenz
Abteilung Akutgeriatrie und Tagesklinik
Bachemer Str. 29-33, 50931 Köln

Das Interview führte:
Gabriela Zander-Schneider
Vorsitzende Alzheimer Selbsthilfe e.V.


© Gabriela Zander-Schneider, 2012
Das Copyright für das Interview verbleibt bei der Autorin. Eine Vervielfältigung oder Verwendung (auch auszugsweise) der Texte, Bilder, Grafiken in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist ohne ausdrückliche Zustimmung der Autorin Gabriela Zander-Schneider nicht gestattet.

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